Handelsungleichgewicht: Kanzler Merz in China
Angesichts des zunehmenden Drucks auf die deutsche Industrie durch billige chinesische Importe strebt Bundeskanzler Merz bei seinem ersten Besuch in Peking fairere Handelsbedingungen und eine engere Zusammenarbeit an.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz traf am 25. Februar 2026 mit 30 Unternehmen in Peking ein, um das wachsende Handelsungleichgewicht zwischen Deutschland und China anzugehen.
Die deutschen Importe aus China haben sich im Jahr 2025 gegenüber den Exporten mehr als verdoppelt, was Besorgnis über Subventionen, Währungspolitik und Risiken für die deutschen Industriesektoren auslöst.
Merz strebt einen ausgeglichenen Handel an und erwartet, dass China Moskau in der Ukraine-Frage beeinflussen wird, angesichts der Herausforderungen der EU durch chinesische Überkapazitäten und wirtschaftlichen Wettbewerb.
Bundeskanzler Friedrich Merz landete am 25. Februar 2026 in Peking und trat damit seine erste offizielle Reise nach China als Regierungschef der größten Volkswirtschaft Europas an. Seine Ankunft erfolgte zu einem Zeitpunkt, als deutsche Unternehmen vor einem wachsenden Handelsungleichgewicht mit China warnten – eine Herausforderung, die den Kern der deutschen Industrie gefährdet. Als Merz das Rollfeld betrat, war er nicht allein: Ihn begleitete eine große Delegation von 30 Unternehmen, darunter die Automobilkonzerne Volkswagen und BMW, die sich alle der Tragweite der Situation bewusst waren.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut Bundesstatistik übersteigen die Importe aus China nach Deutschland im Jahr 2025 den Wert der deutschen Exporte aus China um mehr als das Doppelte. Diese enorme Diskrepanz ist mehr als nur eine statistische Kuriosität; sie bereitet deutschen Herstellern, insbesondere in der Automobil-, Maschinenbau- und Chemiebranche, ernsthafte Sorgen. Jürgen Matthes, Leiter der Abteilung Internationale Wirtschaftspolitik am Institut für Wirtschaft (IW), brachte es in einem Interview mit der BBC auf den Punkt: Die Situation „untergräbt das Herzstück der deutschen Industrie, insbesondere in der Automobil-, Maschinenbau- und Chemiebranche“. Matthes führt dieses Ungleichgewicht größtenteils auf massive chinesische Subventionen und eine Unterbewertung der Währung zurück und argumentiert, dass Chinas Preisvorteile „nicht allein auf mehr Innovation und Effizienz beruhen können“.
Peking seinerseits beteuert, seine Subventionspolitik sei transparent und stehe in vollem Einklang mit internationalen Handelsregeln. Chinesische Beamte haben auf frühere Vorwürfe der Währungsmanipulation reagiert, indem sie ihr Bekenntnis zu einem System gesteuerter flexibler Wechselkurse bekräftigten, das sich an Angebot und Nachfrage orientiere, bei dem aber gegebenenfalls interveniert werde.
Vor diesem Hintergrund machte Merz vor seiner Abreise nach Peking seine Prioritäten deutlich. „Wir wollen eine ausgewogene, verlässliche, regulierte und faire Partnerschaft mit China“, sagte er und teilte damit die Bedenken deutscher Unternehmen und Politiker. Obwohl wirtschaftliche Themen die Tagesordnung dominierten, wurde erwartet, dass Merz China auch dazu drängen würde, seinen Einfluss auf Moskau zu nutzen, um den Krieg in der Ukraine zu beenden – ein Hinweis darauf, dass es bei diesen Gesprächen um mehr als nur Handel geht.
Der Zeitpunkt von Merz’ Besuch ist kein Zufall. Der sogenannte „China-Schock“ ist in der gesamten Europäischen Union spürbar, nicht nur in Deutschland. Die Pandemie und Russlands großangelegter Einmarsch in die Ukraine haben die Produktionskosten in Europa in die Höhe getrieben, während China in eine anhaltende Deflationsphase eingetreten ist. Laut dem Brüsseler Wirtschaftsforschungsinstitut Bruegel hat die Überinvestition in die chinesische Fertigungsindustrie erhebliche Überkapazitäten geschaffen, die die europäischen Märkte mit Billigwaren überschwemmen und das Handelsdefizit verschärfen. Die Folge? Die europäischen Staats- und Regierungschefs suchen fieberhaft nach Wegen, die Auswirkungen abzufedern, ohne einen ausgewachsenen Handelskrieg zu riskieren.
Noah Barkin, Gastwissenschaftler beim German Marshall Fund und China-Analyst bei der Rhodium Group, fasste das Dilemma so zusammen: „Niemand in Europa will einen Zweifronten-Handelskrieg mit den beiden Supermächten der Welt.“ Doch wie Barkin betont, hat Europa durchaus Einflussmöglichkeiten. „China braucht Absatzmärkte für seine Waren. Es hat ein echtes Problem mit Überkapazitäten.“
Für Deutschland steht besonders viel auf dem Spiel. Die traditionsreiche deutsche Automobilindustrie befindet sich mitten in einem schwierigen Übergang zur Elektromobilität – einem Sektor, der bereits von China dominiert wird. Der Stellenabbau hat zugenommen, und Wirtschaftsverbände drängen Merz, nicht nur das Handelsungleichgewicht, sondern auch Wettbewerbsverzerrungen und Exportkontrollen für kritische Seltene Erden anzugehen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat sich besonders lautstark geäußert und klare Signale sowie entschiedenes Handeln der Bundeskanzlerin gefordert.
Merz‘ Instinkte als Verfechter des transatlantischen Freihandels werden durch die aktuellen globalen Realitäten auf die Probe gestellt. Während Frankreich eine protektionistischere Politik verfolgt, bleibt Deutschland skeptisch. Die Europäische Kommission hat zahlreiche Antidumpingverfahren gegen China eingeleitet und erwägt Maßnahmen zur Stärkung der heimischen Produktion und zur Verringerung der Abhängigkeit von ausländischen Produkten. Wie Barkin jedoch anmerkt, sind „klassische handelspolitische Instrumente wie Zölle“ für die EU schwieriger einzusetzen als für die Vereinigten Staaten, die unter Präsident Donald Trump und seinen Nachfolgern Zölle flexibler genutzt haben.
China ist derweil bestrebt, sich als verlässlicher Wirtschaftspartner zu präsentieren – insbesondere angesichts der Umwälzungen im globalen Handelssystem durch die US-Handelspolitik. Bei einer Unterzeichnungszeremonie in der Großen Halle des Volkes in Peking rief der chinesische Ministerpräsident Li Qiang beide Seiten dazu auf, „Multilateralismus und Freihandel gemeinsam zu schützen und ein gerechteres und faireres globales Governance-System anzustreben“. Lis Äußerungen, über die Reuters berichtete, waren ein deutliches Zugeständnis an die europäischen Bedenken hinsichtlich der Anfälligkeit von Lieferketten und der wachsenden Abhängigkeit von China.
Merz erwiderte dies und betonte die Bedeutung einer „fairen Zusammenarbeit und offenen Kommunikation“. Er räumte ein, dass Deutschland „sehr konkrete Bedenken hinsichtlich unserer Zusammenarbeit hat, die wir verbessern und fairer gestalten wollen“. Es ist ein heikler Balanceakt – einer, der darauf abzielt, eine für deutsche Interessen zunehmend ungünstige Wirtschaftsbeziehung neu zu definieren, ohne die tiefen Verbindungen zwischen den beiden Volkswirtschaften zu kappen.
Der chinesische Markt hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Einst aufgrund seiner riesigen Konsumentenbasis und steigenden Kaufkraft von ausländischen Unternehmen begehrt, hat die sich verlangsamende Wirtschaft Chinas die Konsumnachfrage gedämpft. Gleichzeitig zwingt die Überkapazität in der Produktion chinesische Firmen dazu, im Ausland nach neuen Möglichkeiten zu suchen, was den Wettbewerb für europäische Hersteller verschärft. Wie EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič dem Europäischen Parlament mitteilte, erlebt der Kontinent eine „Beschleunigung besorgniserregender Trends in China“, darunter die Dominanz in wichtigen Produktionssektoren, wachsende Handelsungleichgewichte und sinkende EU-Marktanteile in China.
Trotz dieser Herausforderungen ist die Begeisterung der deutschen Wirtschaft für China ungebrochen. Chinesische Staatsmedien betonten im Vorfeld von Merz’ Besuch das Potenzial der EU-China-Kooperation als stabilisierende Kraft in turbulenten Zeiten. Xinhua zitierte eine Umfrage der Deutschen Handelskammer, die verdeutlichte, wie Innovationsgewinne in China den deutschen Unternehmenszentralen zugutekommen. Die Global Times kommentierte, dass „Rhetorik wie ‚systemischer Rivale‘ und ‚Risking‘ die deutsche Chinapolitik mitunter verkompliziert hat“, betonte aber, dass „die Begeisterung und das Handeln der deutschen Wirtschaft mehr sagen als politische Parolen“.
Dennoch sind die Herausforderungen real, und Deutschlands umfassendere Strategie des „Wandels durch Handel“ – jahrelang von der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel vertreten – erscheint zunehmend riskant. Die über Jahrzehnte gewachsenen tiefen wirtschaftlichen Verflechtungen und Abhängigkeiten lassen sich nicht einfach lösen. Wie Merz selbst vor seinem Abflug einräumte, wird Deutschland seine umfassendere Politik der Risikoreduzierung fortsetzen, aber „es wäre ein Fehler, wenn wir versuchen würden, uns von China abzukoppeln“.
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